Der letzte Mai des tollen Christian

Der letzte Mai des tollen Christian

Historischer Roman, 312 Seiten

Kindle Edition 2018, € 4,59

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Fast eine Liebesgeschichte

 

„Warum heiratet er mich?“, denkt die 18-jährige Lene in der Schlosskirche – mit gutem Grund, denn Christian ist Herzog und Feldherr in dem Krieg, der 30 Jahre dauern wird, dazu jung und schön. Sie dagegen: „Nur“ Gräfin aus verarmter Familie und keine Schönheit, wenn auch energisch und erfahren im Kurieren von Mensch und Tier.

Zehn Tage später weiß Lene, warum Christian sie geheiratet hat: Er ist todkrank, aber will um jeden Preis noch einmal siegen – und einen Sohn hinterlassen. Deshalb hat er geheiratet. Mit aller Kraft täuscht er seine Umgebung und zieht in den Krieg, aus dem er als Sterbender heimkehrt – und Lene frei macht für ein Leben, das zu ihr passt.

Der 30-jährige Krieg bestimmt die Handlung des Romans. Sein Thema aber sind zwei Menschen, die heiraten, ohne einander zu kennen, sich aber in wenigen Wochen nahe kommen.

 

Pressestimmen:

Wolfgang Tischer (www.literaturcafé.de): „Der historische Roman von Johanne Jakobian stand auf unser persönlichen Shortlist zum diesjährigen Blogbuster-Preis. Klasse! So schreibt man flott und gibt der Leserin die Infos en passant einfach so mit. Ohne dass es uns die Autorin lang und breit erklärt hat, haben wir sofort die Situation vor Augen. Da ist also eine Gräfin, die sich nicht dafür zu schade ist, selbst in den Stall zu gehen, wenn Not an der Frau ist. Sofort erscheint uns Lene als burschikose Macherin, ohne dass es im Text explizit gesagt wurde. So schreibt ein Profi. Sehr gut!“

Mimicharlotte (www.lovelybooks.de): „Sehr gut recherchierter historischer Roman in der anrührend schlichten Sprache der weiblichen Heldin. Aufgrund all der stimmigen Details zum Leben am Hofe und zu den lokalen Wirren des Dreißigjährigen Kriegs fragt man sich manchmal, ob diese Schilderung historisch ist. Ja, das ist sie. Meistenteils. Über Einzelheiten gibt die Autorin in einem klugen Nachwort überzeugend Auskunft. Kein Wort zuviel.

 

Wolfgang Tischer (www.literaturcafé.de) zitiert so eingehend, dass sein Artikel als Leseprobe gelten kann. Seine Kommentare zum Romantext wurden kursiv gesetzt.

 

Je nun, schon wieder einer dieser Modeprologe. Kurzseitig sind wir versucht, diesen komplett zu überspringen. Noch dazu, da es um eine Trauung geht. Droht wieder Liebeskitsch? Aber lesen wir mal rein:

„Ja“, sagte Lene.

Der Pfarrer nahm ihre rechte Hand und legte sie in die linke des Bräutigams.

Geschafft! Lene atmete tief ein und seufzend wieder aus, ohne es zu merken. Sofort drehte sich das Rad in ihrem Kopf: Warum heiratet er mich? Aber Lene wollte das nicht denken, nicht schon wieder. Christian hatte „Ja“ gesagt. Sie war Herzogin. Nur darauf kam es an.

Das macht doch neugierig und ist leicht irritierend. Lene scheint erleichtert und auch verwundert. Dass sie sich bei der Hochzeit fragt, warum sie der Bräutigam heiratet, scheint ungewöhnlich. Und wir haben erfahren, dass es sich hier offenbar um einen historischen Roman handelt, denn es ist von ‚Herzogin’ die Rede.

Sie starrte auf die Spitzenmanschette über der Hand, in der ihre Rechte lag, und einen plissierten, fast durchsichtigen Ärmel. Einmal hatte sie Christians Gesicht gesehen, ganz nah, nach ihrer Ankunft im Schloss. Als er ihr diese fürchterliche Frage stellte. Auf dem Treppenabsatz, im Laufschritt. Unterwegs zu seinen Verwandten.

Wo die wohl saßen? Sicher auf der Empore, wo der unsichtbare Chor sang. Sie stand links vom Bräutigam, und die Hand, die in ihrer lag, war Christians Linke. Das ging nicht anders. Er hatte im Krieg einen Arm verloren. Dafür ist er Feldherr, dachte Lene, und: So jung hab ich ihn mir nicht vorgestellt. Ein Kriegsgott mit dunklen Locken. Jung und schön. Ich dagegen, o je. Ein Mädchen vom Lande, das im Staatskleid seiner Mutter vorm Altar steht. Und nur Gräfin!

Was kam jetzt?

Christians Hand fasste Lenes rechte Ellenbogen und führte sie, sodass das Paar sich beinahe gleichzeitig vom Altar ab- und der Gemeinde zuwandte. Die Orgel setzte ein.

Rechts und linke knicksten Hofdamen, verneigten sich Höflinge.

Lenes Blick haftete am riesigen Wappen der Welfenherzöge an der Empore. Als Christian, ohne stehen zu bleiben, lässig hinaufgrüßte, knickste sie schnell. Aber da oben zeigte sich niemand, und es blieb verdächtig still. War die Herzogsfamilie gar nicht zur Hochzeit gekommen?

Vor Christian und Lene öffnete sich das Kirchentor. Sie traten geblendet in den Schlosshof, wo die Gaffenden sich in der Nachmittagssonne drängten.

Das vergaß Lene bald. Sie erinnerte sich kaum an ihre Trauung. Lebendig blieb ihr allein – dies aber lebenslang – die Spitzenmanschette über dem plissierten, fast durchsichtigen Ärmel, und dass der Pfarrer ihre Hand in Christians Linke gelegt hatte wie einen Gegenstand.

Das ist souverän geschrieben. Viel angedeutet, aber nicht verbal platt getreten. Weiter geht es mit dem ersten Kapitel.

Montag, 8. Mai 1626. Der Hochzeitswerber

„Frölen, de Moder suchet ji!“

„Jetzt nicht“, knirschte Lene mit verzerrtem Gesicht und schob ihre Hand tiefer in die Scheide der Sau.

Ups! Kurze Irritation.

Neben ihr stand Trine, die Hüterin des Schweinekobens. Sie hatte Lene gerufen, weil sie wie jeder in Alvemissen überzeugt war, die junge Gräfin könne Tiere besprechen. Dabei sah man besser nicht genau zu: Vielleicht war es ja Zauberei?

Fünf neugeborene Ferkel quiekten munter. Aber ein totes verlegte den Geburtskanal. Steif und starr, hielt es seine ungeborenen Geschwister auf und gefährdete, schlimmer noch das Leben der Muttersau.

Klasse! So schreibt man flott und gibt der Leserin die Infos en passant einfach so mit. Ohne dass es uns die Autorin lang und breit erklärt hat, haben wir sofort die Situation vor Augen. Da ist also eine Gräfin, die sich nicht dafür zu schade ist, selbst in den Stall zu gehen, wenn Not an der Frau ist. Sofort erscheint uns Lene als burschikose Macherin, ohne dass es im Text explizit gesagt wurde. So schreibt ein Profi. Sehr gut!

In jeder Wehenpause schob Lene die Finger voran. Gerade hatte sie etwas getastet. Wenn sie Glück hatte, konnte sie das tote Ferkel herausziehen.

Lene summte Choralfetzen; davon wusste sie nichts. War, was sie tastete, ein Fuß? Vor lauter Konzentration sah ihr rundes Bauerngesicht mit den geschlossenen Augen und dem halb offenen Mund fast dumm aus.

Auch hier so beiläufig das Aussehen von Lene mitgeteilt. Sie scheint keine Kitschschönheit zu sein.

„Frölen! De Moder söket ji!“ Die Magd Käthe stand in der Stalltür. „Besöök is daar.“

Seltsamer Dialekt. Klingt ein wenig wie Platt, aber nicht ganz.

„Jetzt nicht!“ Lene brachte das tote Ferkel ans Licht. Trine nahm es und warf es auf den Mist, während schon ein weiteres herauspurzelte und schlaff liegen blieb. Ob es überleben konnte ohne die Massage der mütterlichen Zunge? „Reib’s ab’, sagte Lene. „Feste rubbeln.“ Sie stand auf, warf den vorgebundenen Sack ab und wusch ihre Hände im Eimer. Dann ging sie, die Arme schwenkend, zum Haupthaus, ließ im Eingang ihre Stallpantinen auf die schwarz-weißen Fliesen fallen und rannte die Treppe hinauf.

Da stand ihre Mutter. „Wo steckst du denn? Wir haben Besuch. Mein Gott, wie du riechst!“

„Die Sau ferkelt!“

„Zieh dir was an.“ Die Mutter hatte nichts gehört. Sie war schon in ihrem Zimmer und holte ihr Festkleid aus der Truhe. „Ein Hauptmann ist da, ach was, ein Obrist! In der großen Stube.“

Stube? Lene riss die Augen auf. Die Mutter bestand darauf, dass man vom Saal sprach und ging darin wie in allem anderen mit gutem Beispiel voran.

„Hier, zieh’s über!“ Sie ließ das Festkleid wieder sinken. „Mein Gott, wie du riechst. Warst du im Stall? Wie oft soll ich ... Zieh das aus, schnell. Wir warten schon eine Ewigkeit, der Obrist und ich.“

„Wenn er Pferde will, kann er was erleben“, nuschelte Lene, während sie ihr Stallkleid auszog. „Dem Leutnant Kaspar hab ich achte abgehandelt, ha, vor zwei Wochen.“

„Pferde, ach was. Es geht um dich. Ein Heiratsantrag, stell dir vor!“

O Gott. Lene erstarrte. Er war gekommen, der Tag. Sie war verlobt.

Tolle knappe Dialoge, die mit der Hektik der Situation verwoben sind. Auch das ist gut gemacht. Wieder bekommen wir als Leserin oder Leser eine Menge Infos, ohne dass man den Eindruck hat, die Personen unterhalten sich nur für die Leserin. Und zwischen allem blitzt ein leichter Humor durch.